Armin Wintzer (94)
– der Betriebsdirektor –
* 07.10.1929
† 03.01.2024 um 12:44
Am Tag nach Armins Tod
erfuhren wir davon durch einen Anruf.
An den Ostfenstern zog plötzlich
schwerer Nebel vorüber,
so dass die Scheiben beschlugen,
wie noch nie zuvor.
Was war geschehen?
Im Mai 2026 war es zwanzig Jahre her,
dass Armin Wintzer, der große Patriarch
dieses Zweiges der Familie,
anläßlich einer Erbschaftssache
ein Familientreffen von beinahe
monumentalen Ausmaßen organisierte.
Nicht weniger als sechzig Menschen kamen
am 13. und 14. Mai 2006 im thüringischen Melkers zusammen.
Armin hatte eigens ein Clubhaus angemietet.
Wir saßen an langen Tischen
und auf Bänken.
Ein Stammbaum lag aus,
wurde herumgereicht,
betrachtet und diskutiert.
Jeder suchte darin seinen Platz.
Ein einmaliges Ereignis.
Doch geblieben sind
nur einige Fotografien
und drei Videoaufnahmen.
Als ich Armin Wintzer Jahre später,
am 21.01.2019, zum letzten Mal sah,
begegnete mir ein neuer Zug an ihm.
Etwas, das ich vielleicht
Altersmilde nennen würde.
Der Anlass unseres Treffens war
wiederum die Familie.
In einem alten, verstaubten Karton
hatten sich Briefe aus den 1920ern
bis zu den 80ern erhalten.
Einen Teil dieser Korrespondenz besaßen wir,
die andere Hälfte lag bei Armin.
Wir hatten begonnen,
die alten Briefe zu entziffern,
ihren Spuren nachzugehen.
Sie führten nach Argentinien.
Und wir fanden tatsächlich eine
verlorene Linie der Familie wieder.
Ihr Patriarch war Armins Onkel
dessen Vornamen er selbst trug –
Armin Krämer (04.12.1906-08.12.1984)
Aus diesem einen
ausgewanderten Verwandten
entstand eine Nachkommenschaft
von etwa 400 Menschen.
Plötzlich war eine Verbindung wieder da.
Und wieder gab es einen Grund.
Unser letztes Treffen prägte sich durch seinen Satz:
Man müsse das doch alles
einmal festhalten.
Wer was gemacht habe.
Welchen Beruf jemand ausgeübt habe.
Was aus den einzelnen Menschen
geworden sei.
Dieser Satz hatte bei ihm durchaus Gewicht.
Kaum ein Enkel, eine Nichte, ein Neffe
– und auch ich nicht –
blieb bei Begegnungen mit Armin
von der Frage verschont,
was man denn nun eigentlich
als Lebensleistung
innerhalb dieser Gesellschaft vorzuweisen
oder noch zu leisten gedenke.
Widerspruch konnte ausgesprochen unangenehm werden.
Armin selbst trug viele Jahre
als Betriebsdirektor in Schkopau
Verantwortung für eine wirklich
große Zahl von Menschen.
(siehe Information zur Person unten)
Diese Stellung war nicht nur ein Beruf,
sie gehörte fest zu seiner Ausstrahlung.
Man spürte den Direktor noch lange,
nachdem das Büro längst hinter ihm lag.
Auch ich hatte mein `Prüfgespräch´.
Am 07.10.2005
brachte ich ihm einen großen selbst
getöpferten Krug als Geschenk,
doch meine Stelle als Leiter einer
Keramikwerkstatt war gerade ausgelaufen.
Das konnte der Krug nicht ändern,
obwohl er sichtbar materiell vor uns stand.
Von unseren letzten Telefonaten
später blieb
mir vor allem, daß er wiederholt
und mit Nachdruck sagte,
er sei Armin Wintzer
– nach seinem 90. Lebensjahr
hatte sein Gedächtnis langsam begonnen,
zu schwinden.
Später dachte ich öfter
an seinen Satz zurück:
Man müsse das alles
doch einmal festhalten.
Die Aufzeichnungen, von denen er sprach,
sind durch ihn nie entstanden,
das Vergessen war schneller.
Doch nun haben wir – habe ich –
damit begonnen:
Das Aufschreiben – das Festhalten
der Erinnerungen.
Der Kreis hatte sich damit
auf seine eigene Weise geschlossen.
Die Scheiben an der Ostseite waren
nie wieder beschlagen,
seit der schwere Nebel vorüberstrich.
– in Widmung zum 97. Geburtstag –
In Liebe
Frank der Pfadbereiter®
– Archiv der Menschlichkeit –
———————————————
Information:
Armin Wintzer war Diplomchemiker
und Betriebsdirektor
in den VEB Chemischen Werken Buna
in Schkopau.**
Die Buna-Werke gehörten zu den bedeutenden Chemiebetrieben der DDR
und waren Teil des mitteldeutschen Chemiedreiecks
um Schkopau, Leuna und Bitterfeld.
Der große Industriestandort besaß für die DDR
erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung.
Bekannt auch durch den Satz:
„Plaste und Elaste aus Schkopau“
Als Betriebsdirektor gehörte Armin Wintzer zur Leitungsebene des Werkes.
Das *Neue Deutschland* bezeichnete ihn am 07.07.1976
ausdrücklich als „Betriebsdirektor Diplomchemiker Armin Wintzer“.
In einer späteren Publikation über die Künstlerin
Vera Singer wird eine Einladung zu einer Ausstellung
in den Buna-Werken aus dem Jahr 1970
mit der Quellenangabe „Archiv Armin Wintzer, Berlin“ nachgewiesen.**
** 1. https://www.nd-archiv.de/ausgabe/1976-07-07
** 2. https://www.ighalle.ch/resources/vera_singer_mauerfall_bilderreisen_20152.pdf


Der schwere Nebel am Tag der Nachricht von Armins Tod.

Der Krug zu Armins 76. Geburtstag im Rohzustand vor dem Schrühbrand,
Glasur später: taubenblau

Armin Wintzer in jungen Jahren mit seiner Schwester Elisabeth Woßeng geb. Wintzer hier ca. 1959
p.s. So Onkel Armin – ditt is zwar jezze
keene Direktorenrede
zur Einhaltung der 5-Jahres-Pläne
des sozialistischen Sieges
für eine Menschheit der Zukunft,
sondern nur son persönlichett Jedenken
ohne Bilanzzahlen und Produktionskennziffern,
ick hoffe dennoch,
dass Du ditt da oben in den Watteweichhimmeln
gnädig aufnimmst !!
Autor: Frank Woßeng

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.
✦ Gedenken für Elisabeth Woßeng
Armins ältere Schwester:
https://trauer-gedenkseite.de/elisabeth-wosseng-1926-2013/
⌂ Beide wurden in Ichtershausen geboren
und wuchsen dort auf.
Im Haus
Rudolf-Breitscheid-Straße 36
⌖ Koordinaten:
50.87058099219049, 10.966283458224945
⌛ Der Stammbaum der Familie Wintzer
lässt sich bis in das Jahr 1570 zurückverfolgen.
🌿 Genealogie der Familie Wintzer:
http://364613.webhosting72.1blu.de/public/wosgen/index.php?route=%2Fpublic%2Fwosgen%2Ftree%2Fwosseng_wintzer
✦
– Archiv der Menschlichkeit –